31/10/2000 Der Wald nach "Lothar": Mittelfristig düstere Prognosen

Drei Viertel des "Lothar"-Sturmholzes sind zehn Monate nach dem Jahrhundert-Orkan gerüstet. Doch damit sind die Probleme im Seeland nicht gelöst; sie werden im Gegenteil erst jetzt richtig sichtbar. Ein Teil des gerüsteten Holzes ist von Pilzen befallen, was einen massiven Qualitäts- und damit Preisverlust bedeutet. Denn das Holz blieb im Wald liegen, statt in einem Nasslager aufbewahrt zu werden, wo Feuchtigkeit gegen Pilze schützt. Zwar seien die Nasslager gross genug, um das Holz aufzunehmen, betont Jürg Schneider, Leiter der Waldabteilung Seeland. Doch die Lager sind für Stämme mit einer Länge zwischen 10 und 16 Metern konzipiert. Das gerüstete Holz, das nun im Wald mangels Transportkapazitäten vergammelt, wurde den Marktbedürfnissen entsprechend auf eine Länge von vier Metern zugeschnitten.

Trotz Gegenmassnahmen hat sich auch der Borkenkäfer vermehrt. "Wir wussten, dass der Käfer kommen wird, wo Befall droht, und haben Gegenmassnahmen ergriffen", erklärt Schneider. Befallenes Fichtenholz wurde entrindet und weggeführt; doch angesichts der riesigen Menge konnte nicht das gesamte Holz geräumt werden. In den Niederungen, etwa in den Gebieten rund um das Fanel oder bei Leutzigen, haben sich grosse Populationen gebildet. Dort hat sich der Käfer auch auf gesunden Bäumen vermehrt und wartet nun auf den Frühling. "Wird der Frühling warm und trocken", weiss Schneider, "wird der Käfer rasch sehr aktiv werden." Denn während Trockenzeiten sind Bäume weniger vital; sie können nicht genug Harz produzieren, um sich gegen den Käfer zu wehren.

Nicht nur wegen des Borkenkäfers haben Waldbesitzer schwere Zeiten vor sich: Das Nutzungspotenzial ist wegen der Sturmschäden stark gesunken, der Markt ist übersättigt, die Preise werden sich mittelfristig kaum erholen. Zwar ist der Wald im Seeland für die meisten Besitzer nicht von existenzieller Bedeutung. Doch die Auswirkungen von "Lothar" werden die bereits zuvor begonnene Strukturbereinigung massiv beschleunigen. "Die natürliche Fluktuation unter den Waldarbeitern wird vermutlich nicht ausreichen, um die Bereinigung sozialverträglich durchzuführen", befürchtet Schneider. Konkret bedeutet dies, dass in einem ersten Schritt keine Forstwart-Lehrlinge mehr ausgebildet werden. In einem zweiten Schritt werden Waldarbeiter, die sich pensionieren lassen, nicht mehr ersetzt; möglicherweise kommt es zu Entlassungen. Mit dem Verlust der Arbeit müssen auch Revierförster rechnen. Denn lediglich 20 Prozent ihrer Arbeit bestehen aus hoheitlichen Aufgaben wie Beraten, die vom Staat finanziert werden. Rund 80 Prozent ihrer Arbeit - den Bereich Betriebsführung - bezahlen die Waldbesitzer. Rentiert der Wald nicht mehr, werden die Reviere fusioniert und Stellen abgebaut. Private Waldbesitzer werden zudem künftig genauer zwischen betrieblichen und nicht betrieblichen Aufgaben unterscheiden und sich überlegen, welche Arbeiten rentieren und welche nicht kostendeckend sind.
"Gewisse Flächen werden sich selber überlassen, und beim Wegunterhalt wird gespart werden", beobachtet Schneider. Konkret bedeutet dies, dass Waldwege so weit unterhalten werden, dass sie für einen Traktor befahrbar sind, nicht jedoch für einen Kinderwagen. Sollen die Pfade auch kinderwagentauglich sein, wird dies künftig die öffentliche Hand finanzieren müssen.


Von: http://www.bielertagblatt.ch