18/05/2001 Biel Borkenkäfer: Förster kämpfen gegen Invasion
Waldbesitzer Fritz König hätte allen Grund, stolz zu sein auf seine Fichten. 80- bis 100-jährig sind die Nadelbäume, die seine Vorfahren im Wald bei Schüpfen angepflanzt haben, 35 Meter hoch sind sie inzwischen geworden. Die Stämme sind kerzengerade und ebenmässig, ihre schuppige Rinde, feucht geworden durch den Frühlingsregen, schimmert matt im Morgenlicht.
Doch Freude kommt keine auf. Nicht beim Waldbesitzer, nicht beim Revierförster Markus Moser und nicht beim Käfervogt Urs Gygax. Die beiden Fachleute suchen die Rinde ab nach kleinen Häufchen braunem Holzmehl; bereits nach kurzer Zeit werden sie fündig.

Winzige Killer

Das feine Mehl produzieren drei Millimeter kleine, schwarze Borkenkäfer in der Krone 20 Meter über dem Boden. Mehl, das herunter rieselt und in den Ritzen des Stammes hängen bleibt. Die Weibchen bohren sich durch die Rinde ins Kambrium, der Wachstumsschicht des Baumes, graben einen etwa 15 Zentimeter langen Muttergang und legen ihre Larven ab. Rechtwinklig zum Gang frisst sich nun die Brut durch den weichen Bast, bis sie flügge ist.
Wie der Abdruck eines Skeletts sehen die Nester der Schädlinge zwischen Rinde und Holz aus. Ein Gebilde mit Symbolgehalt, denn gegen rund 3000 Winzlinge der Gattung Grosser Buchdrucker hat selbst der stärkste Baum keine Chancen.
Vom Borkenkäfer existieren mehrere Dutzend Unterarten. Der Buchdrucker ist der gefürchtetste seiner Art; sein Lieblingsbaum ist die Rottanne respektive Fichte. Finden die Käfer nicht mehr genügend Wirtsbäume, springen sie auf andere Nadelhölzer über.
Geburtshelfer der sich seit zwei Wochen explosionsartig vermehrenden Populationen ist Orkan Lothar. Zwar haben die Waldarbeiter im Seeland vergangenes Jahr versucht, das Fallholz zu räumen, bevor sich der Käfer einnisten konnte. Doch gelungen ist dies angesichts der riesigen Menge nicht vollständig; die Borkenkäfer fanden dank "Lothar" einen gedeckten Tisch vor und vermehrten sich. Nach der Winterruhe springen die Populationen jetzt auf gesunde Bäume über.
Mittels "Monitorfallen" wird die Grösse des Bestandes untersucht: Pheromone locken die Borkenkäfer an, die sich in den flachen Kästen verfangen. Anhand der Zahl der gefangenen Insekten kann Förster Markus Moser abschätzen, wie gross die Population ist.

Invasion befürchtet

"Im Seeland bahnt sich eine riesige Sache an", befürchtet Jürg Schneider, Leiter der Waldabteilung Seeland. Um Revierförster und Mitarbeiter der Forstbetriebe beim zeitaufwändigen Fahnden nach dem Schädling zu unterstützen, wurden acht Käfervögte eingestellt. Häufig ortskundige Landwirte wie Urs Gygax, der nun von Revierförster Markus Moser lernt, wie man das Werk des Borkenkäfers erkennt, lange bevor der Baum abstirbt.
Kranke Bäume werden mit einem roten Kreuz markiert. Der Besitzer hat nun 14 Tage Zeit, um sie zu fällen, in ein Nasslager zu bringen oder Rinde zu entfernen und zu schreddern, was die Schädling tötet. Die Bäume stehen lassen, bis sie absterben und damit wertlos sind, ist nicht allein aus wirtschaftlicher Sicht unsinnig:
Das Fällen der Bäume ist die einzige Möglichkeit, um die Population einzudämmen und eine Katastrophe zu verhindern, wie Fachmann Jürg Schneider betont. Denn mit jeder Generation, die schlüpft, steigt der Schaden um den Faktor 30: Wird ein Baum übersehen, ist die nächste Borkenkäfer-Generation gross genug, um 30 Bäume zu befallen, die dritte Generation schwärmt auf 900 Bäume aus; eine Katastrophe, die die Förster verhindern möchten. "Denn der Buchdrucker", warnt Scheider, "hat sich früh genug entwickelt, um bis August drei Generationen hervorzubringen."
Noch sind in Fritz Königs Wald lediglich zwei Bäume befallen. Ein Schaden, den der Waldbesitzer verkraften kann, trotzdem wirkt er unglücklich: "Denn ich weiss nicht, was auf mich zukommen wird." Bereits vor sechs Jahren hat in seinem Wald der Buchdrucker gewütet, der Schaden war damals gross. Hinzu kommt, dass die Holzpreise, bedingt durch die gigantische Menge Lothar- Fallholz, nach wie vor tief sind. Das Käferholz, überlegt Fritz König, werde er lediglich kostendeckend verkaufen können.
Weit stärker ist der Befall in einem Wald ein paar Kilometer weiter: Rund um eine Lichtung wurden mehrere Dutzend Bäume mit Kreuzen markiert. Die noch gesund aussehenden Fichten wirken wie Grabmäler für die Baumstrünke, die vom Lothar-Fallholz übrig geblieben sind.

Bäume mit Sonnenbrand

Dass sich die meisten der befallenen Bäume am Rande einer Windwurf-Lichtung befinden, ist kein Zufall: Statt in einem schattigen, kühlen und feuchten Waldklima zu wachsen, sind sie nun der Hitze und der prallen Sonne ausgesetzt. Für die Bäume bedeutet dies Stress: Wie Menschen, die sich zu lange in die Sonne legen, leiden auch sie unter Sonnenbrand. Für den Buchdrucker sind diese Fichten ideale Wirte, denn ihnen fehlen die Abwehrkräfte.
Revierförster Hermann Stettler untersucht zusammen mit seinem Kollegen Markus Moser die Stämme bereits gefällter Bäume. Mit einem Gertel schlagen die beiden Rindenstücke weg, und plötzlich diskutieren die Förster aufgeregt. Denn die Borkenkäfer haben nicht wie üblich nur die Krone befallen, sondern fast bis hinunter zum Wurzelbereich winzige Löcher in die Stämme gebohrt. Auch an den noch stehenden Bäumen glänzen Tausende kleiner Harztropfen wie Tränen in der Sonne, die jetzt zwischen den Wolken hindurch scheint.

Unerklärliches Phänomen

Ein Phänomen, das weder die Revierförster noch der Leiter der Waldabteilung Seeland schlüssig erklären können: "Weshalb dies so ist, weiss ich auch nicht genau", überlegt Jürg Schneider. "Ich kann mir diese Form des Befalls allein damit erklären, dass es in den Wäldern bereits heute sehr viele Borkenkäfer geben muss." Denn Käfer kommunizieren mittels Duftstoffen miteinander: Hat einer einen idealen Baum gefunden, sendet er einen Lockstoff aus und signalisiert damit sämtlichen Buchdruckern in der Gegend: "Hier ist ein guter Baum."
Die letzte grosse Käferinvasion erlebte das Seeland vor gut 50 Jahren: Drei extrem heisse Sommer hintereinander hatten ideale Bedingungen für den Borkenkäfer geschaffen. Beispielsweise im Wald oberhalb von Ligerz wuchsen danach praktisch keine Nadelhölzer mehr. Ob die Förster der Invasion im Jahr Eins nach der Milleniumswende Herr werden, hängt laut Jürg Schneider von drei Faktoren ab:
Fachleute von Revierförstern bis zu Käfervögten müssen möglichst rasch möglichst viele befallene Fichten aufspüren. Die Waldbesitzer müssen diese Bäume innerhalb kürzester Frist fällen und aus dem Wald entfernen. Nicht beeinflussen können die Förster den dritten Faktor: das Wetter. Wird der Sommer kühl und feucht, wird die Vermehrung der Buchdrucker gehemmt. Ein heisser, trockener Sommer hingegen wird das Wachstum der Populationen fördern.
Dies würde bedeuten, dass sich die jahrzehntelange Arbeit von Fritz Königs Vorfahren kaum auszahlen wird. "Denn auf das Käferholz", so Revierförster Stettler, "wartet niemand."

Von: http://www.bielertagblatt.ch